Heiter-literarische Weinprobe 2018: RNZ

Erstellt von Rhein-Neckar-Zeitung (keke) | |   Nachlese 2018

Gelungener Neustart eines weinseligen Vorlesevergnügens

Nach längerer Pause fand im Zehntkeller wieder eine heiter-literarische Weinprobe statt - Bald herrschte "Mathaisemarkt-Stimmung"

Schriesheim. (keke) "Wenn einer beim Wein ist, ist er schon zu zweien." Doch auch ohne doppelt sehen oder zählen zu müssen, wie dies Schriftstellerin Mascha Keleko in einer ihrer Weinwahrheiten zu vermitteln versucht, war im Zehntkeller am vergangenen Freitagabend kaum mehr ein freies Plätzchen zu ergattern.

Zwei Jahre lang hatten die Weinfreunde durch den Umbau des Gewölbekellers auf dem Trockenen gesessen und auf die Fortführung der "Heiter-literarischen Weinprobe" des Kulturkreises (KKS) in Verbindung mit der Winzergenossenschaft (WG) warten müssen. Die Sorge von Geschäftsführer Harald Weiss, man müsse "das Weintrinken erst wieder üben" und sich "in den Rhythmus wieder neu einfinden", erwies sich als unbegründet. Unter dem von Weiss ausgegebenen Motto "Wir trinken keinen Alkohol. Wir genießen Wein" herrschte vom ersten ausgeschenkten Tropfen und den Anfangszeilen von Peter Nassauers vorgetragenen Texten Stimmung und gute Laune pur.

Die von KKS und WG verabreichte "Kultur im Glas" kann auf eine langjährige Tradition anstoßen. Bereits zum 15. Mal auf dem Programm, so Vorsitzende Gabriele Mohr-Nassauer, genieße man das halbrunde Jubiläum mit dem Besten der Winzergenossenschaft. Die erste Runde seiner "Seligpreisungen" läutete Nassauer mit Versen von Pfarrer Hans Rosenplüt (1400-1460) ein: "Wein, grüße dich, Gott. Du edles Getränk, erfrische meine Leber. Sie krankt nach dir." Was umgehend auch die Gaumen der Weinverkoster angesichts eines Schriesheimer Schlossberg Riesling und eines Sauvignon Blanc aus der Exclusiv-Serie der WG erfreute.

Weiss goss mit Hintergründigem zur diesjährigen Lese nach. Durchschnittlich fünf Öchsle mehr zeichneten den 2018er Jahrgang dank eines trockenen Sommers und eines unkomplizierten Herbstes aus. Dabei bleibe der Riesling als Traditionssorte die wichtigste Weißweinsorte im Verkauf. Der 2004 erstmals abgefüllte Sauvignon stammt noch aus der "Spielwiese" der Genossenschaftswinzer am Rittersberg, hat sich aber herausgeputzt.

Bereits ihren 23. Herbst hat die von der WG aufgelegte Grauburgunder Spätlese trocken hinter sich. Dem Gaumenschmaus folgen ließ Nassauer ein Gedicht von Johann Fischart (1546-1591): "Der liebste Buhle, den ich han, der liegt beim Wirt im Keller. Er hat ein hölzern Röcklin an und heißt der Muskateller."

Ein 2015er im Barrique gereifter Chardonnay Spätlese trocken ließ den Stimmungspegel weiter steigen. Nassauer dazu: "Herr Durst ist ein gestrenger Mann. Er lässt sich gar nicht foppen. Herr Durst, der kehrt bei allen ein." Urheber ist kein geringerer als Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des Deutschlandliedes.

Mit einer Spätburgunder Rotwein Spätlese trocken und einer Gewürztraminer Spätlese trocken vom Rittersberg näherte man sich den Höhepunkten der Probierrunden. Zu diesem Zeitpunkt herrschte unter den Gästen längst "Mathaisemarkt-Stimmung", wie Weiss anmerkte. Wobei er mit seiner Behauptung, bei dem Gewürztraminer handele es sich um einen "Frauenwein", auf heftige Proteste der Männerwelt stieß. Weiss klärte auf: Wenn ein Mann bei seiner Frau etwas gutzumachen und keine Blumen zur Hand habe, könne der Gewürztraminer helfen.

Immer wieder hatte Nassauer Weingeistiges von Eugen Roth über Joachim Ringelnatz bis hin zu Eckart von Hirschhausen, Carl Zuckmayer und dem "Liebeslied an die Weinflasche" einfließen lassen. Ein gelungener Neustart der Veranstaltung, deren Gäste Nassauer nicht ohne Zugabewünsche von der Bühne ließen.

Rhein-Neckar-Zeitung, 29.10.2018

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